Linux 2025 – ein subjektiver Rückblick der Redaktion
31. Dezember 2025
Zwischen den Jahren ist es an der Zeit festzustellen, ob 2025 das Jahr des Linux-Desktops war oder nicht. Für uns stellt sich diese Frage nicht, das Jahr des Linux-Desktops begehen wir jedes Jahr!
Das ausklingende Jahr hat Linux, wie wir finden, gut vorangebracht, es gab aber auch einige Rückschläge. Die bestimmenden Themen waren unter anderem Wayland, Rust und KI. Die führenden Desktop-Umgebungen GNOME und KDE Plasma erhielten mit COSMIC einen Mitbewerber mit dem Potenzial, das Duo künftig zum Triumvirat zu erweitern.
Das Jahr 2025 sah sechs neue Kernel in den Versionen 6.13 bis 6.18, letzterer ein LTS-Kernel als Garant für langfristige Stabilität und Sicherheitskorrekturen. Im Nachgang betrachtet stachen zwei Dinge heraus: die Rust-Integration und die Entfernung von Bcachefs. Rust im Linux-Kernel machte 2025 einen entscheidenden Fortschritt: von experimentellem Status zu einer Kernsprache neben C und Assembly. Im Dezember 2025 beschloß der Kernel Developers Summit in Tokio, Rust dauerhaft zu integrieren, wie LWN in einer leicht mißverständlich überschriebenen Meldung berichtete. Derweil ließ uns Greg Kroah Hartman an der ersten CVE für Rust teilhaben.
In einer beispiellosen Aktion hat Linus Torvalds Bcachefs wegen anhaltender Regelverstöße und Kommunikationskonflikten mit v6.18 aus dem Kernel entfernt. Vorausgegangen waren Rügen, Blockaden durch den Vorstand des Kernel Codes of Conduct (CoC) und ein langer Rechtfertigungsbrief des Bcache-Entwicklers Kent Overstreet. Das Entfernen eines Projekts geht über Torvalds übliche Strafmaßnahmen wie das Ablehnen oder Zurückhalten von Patch-Sets wie die RISC-V-Änderungen für 6.17 oder gelegentliche persönliche Rügen weit hinaus und stellt einen einmaligen Vorgang dar.
Die Wayland-Durchdringung in den Linux-Desktops hat sich im zurückliegenden Jahr weiter verstärkt, bleibt aber weiterhin umstritten. Je nach Quelle und Umfrage liegen die Nutzungsanteile derzeit zwischen etwa 40 und 60 Prozent. Große Distributionen wie Fedora, Ubuntu und Debian setzen Wayland als Standard, X11 rutscht immer mehr in die Rolle des Auslaufmodells. KDE Plasma und GNOME haben die Adoption im Jahr 2025 weiter vorangetrieben.
Bis Ende 2025 wurde X11 in mehreren großen Linux-Distributionen und Desktop-Umgebungen für bestimmte Editionen vollständig entfernt oder als native Session gestrichen, um den Wechsel zu Wayland zu forcieren. XWayland sorgt dabei weiterhin für Kompatibilität mit verbleibenden X11-Apps. Ubuntu 25.10 "Questing Quokka" hat X11 aus der GNOME-Edition entfernt, Fedora 43 GNOME-Edition folgte und migriert X11-Nutzer automatisch zu Wayland, während andere Fedora-Spins X11 noch behalten.
Red Hat Enterprise Linux (RHEL) 10 ist Wayland-only ohne X11-Session; Derivate wie AlmaLinux, Rocky Linux und Oracle Linux folgen. Bei openSUSE Leap 16 und SLES 16 überwiegt ein klarer Fokus auf Wayland, X11 ist aber noch vorhanden.
GNOMEs Fenstermanager Mutter schaffte das X11-Backend Version 48/49 komplett ab, was bei Distributionen wie Ubuntu und Fedora zur Entfernung führte. Mit GNOME 50 im Frühjahr 2026 soll der Code dann komplett verschwinden. Bei KDE läßt man sich etwas mehr Zeit und wird X11 mit Plasma 6.8 früh im Jahr 2027 entfernen. Distributionen wie Linux Mint und Xfce sowie Desktops wie LXQt lassen sich mehr Zeit mit der Umstellung, aber auch dort wird an der Integration gearbeitet.
Die Tatsache, daß Wayland das Ruder übernommen hat, beflügelt Anhänger von X11 zu neuen Projekten. Neben dem X11-Fork XLibre und Wayback, über das wir gestern berichteten, gesellte sich vor einigen Tagen auch Phoenix dazu.
Getrieben durch das Windows-10-Support-Ende am 14. Oktober und hohe Windows-11-Anforderungen erreichte Linux 2025 global einen Marktanteil zwischen 3 und 4 Prozent. In Deutschland lag der Anteil von Linux im November 2025 laut der Webanalyse von Statcounter bei 4,71 Prozent. Distributionen wie Zorin konnten besonders hohe Zugewinne verzeichnen. So konnte Zorin dank Windows-App-Kompatibilität und hilfreicher Migrations-Tools eine Million Downloads innerhalb eines Monats für sich verbuchen. Auch Ubuntu und Linux Mint konnten dank ihres Renommees als einsteigerfreundliche Distributionen Zugewinne verzeichnen. In deren Foren und anderen Supportangeboten ließ sich das durch erhöhte Einstiegsfragen klar ablesen.
Debian hat mit "Trixie" einen meilenstein veröffentlicht. Fedora erwies sich 2025 mit den Ausgaben 42 und 43 erneut als die Distribution, die neue Entwicklungen als erste zu den Anwendern bringt. Ein Hype entwickelte sich 2025 um die Arch-basierten Distributionen CachyOS und Omarchy mit CPU-optimierten Binaries, Zen-Kernel und Gaming-Fokus. Garuda Linux konnte Anwender mit Btrfs-Snapshots und visuell aufwendigen KDE-Themes überzeugen.
Ein Trend, der 2024 für viel Aufsehen sorgte, hat 2025 weiter an Fahrt aufgenommen, ohne dabei ständig in den Medien präsent zu sein. Die Rede ist von "immutable" oder "atomic" Distributionen. Neben LTS und Rolling Release hat sich diese Sparte als dritte Säule zur Erstellung von Distributionen etabliert. Distributionen, die in diese Sparte fallen, zeichnen sich durch Read-only-Root-Dateisystem, atomare Updates und transaktionales Paket- bzw. Image-Management sowie Rollback-Fähigkeit aus. Es gibt Bestrebungen, den nicht ganz zutreffenden Begriff "immutable" mit einer passenderen Bezeichnung zu ersetzen.
Fedora positionierte seine Atomic-Desktops (Silverblue, Kinoite, Budgie Atomic, COSMIC Atomic, Sway Atomic) klar als Container- und Flatpak-orientierte Workstations mit OSTree/OCI-Image-Fokus und möchte bis 2028 die bisherige GNOME-Workstation mit Fedora Silverblue ersetzen. Das KDE-Projekt arbeitet an KDE Linux, einer ebenfalls unveränderlichen Distribution auf der Basis von Arch Linux. Canonical arbeitet seit Jahren an Ubuntu Core Desktop, einer Immutable-Distribution auf Snap-Basis. Laut Jon Seager, Vice President Engineering bei Canonical, soll das Standard-Ubuntu mittel- bis langfristig ein Ubuntu Core Desktop werden.
openSUSE Aeon (früher MicroOS-Desktop) etablierte sich 2025 als Alternative zu Fedora Silverblue, durch seine Rolling-Release-Basis, den Distrobox-Fokus und die vollautomatischen Updates für Basis, Flatpaks und Container. Mit Distrobox oder Toolbx bei Fedora und anderswo können Poweruser auf Immutable-Systemen trotz Read-only-Attribut dank Virtualisierung und Containern wie gewohnt auf Systemebene arbeiten.
KDE Plasma hat sich 2025 durch die Veröffentlichungen der Hauptversionen 6.4 und 6.5 weiterentwickelt, mit Fokus auf Wayland, Barrierefreiheit und Performance. Oft gewünschte Features wie Unterstützung zahlreicher neuer Wayland-Protokolle, bessere Farb- und HDR-Verwaltung wurden eingeführt. Die Sitzungswiederherstellung konnte an Wayland angepasst und wesentlich stabilisiert sowie dem jeweiligen physischen oder virtuellen Desktop zugeordnet werden.
GNOME hat bei den großen Distributionen weiterhin die Nase vorn, Plasma stiebitzt die Krone jedoch bei modernen und innovativen Distributionen vorwiegend im Gaming-Bereich. Dazu zählen Distributionen wie Bazzite, CachyOS, Garuda, Nobara und natürlich SteamOS auf den Spielgeräten von Valve. Die Plasma-Edition von Fedora wurde auf den gleichen Status wie die GNOME-Edition erhoben, und Asahi Linux als die einzige praktische Option für Linux auf neueren Macs unterstützt nur KDE Plasma. Parrot Linux hat kürzlich ebenfalls standardmäßig auf Plasma umgestellt. Und Plasma ist zudem weiterhin der Standard-Desktop bei Distributionen wie EndeavourOS, Manjaro, NixOS, OpenMandriva, Slackware und TUXEDO OS.
GNOME hat 2025 mit GNOME 48 im Frühjahr und GNOME 49 im Herbst zwei stabile Veröffentlichungen herausgebracht, die spürbare Weiterentwicklungen beinhalten. Neben der weiteren Integration von Wayland gab es verbesserte HDR-Wallpaper und stärkeres Farbmanagement dank aktualisierter Grafik-Pipelines. Der alte Videoplayer Totem wurde durch das neue GTK4/Libadwaita-basierte Showtime ersetzt, und Papers löst Evince als Dokumenten-Viewer ab. Viele Standard-Apps wurden überarbeitet. Dazu zählen Nautilus (Dateien) mit verbesserten Such- und Navigationstools sowie Epiphany (Web) mit Neuerungen bei Sicherheit, Lesezeichen-Handling und Kiosk-Modus. Trotz technischer Errungenschaften steht das GNOME-Projekt 2025 auch vor Herausforderungen. Die finanzielle Lage ist angespannt, Spenden sind rückläufig, und das Team hat mit Ressourcenknappheit zu kämpfen.
System76 hat kürzlich seine viel beachtete, von Grund auf in Rust erstellte Desktop-Umgebung COSMIC in stabiler Version veröffentlicht. Liest man die Rezensionen im Netz, so ist der Neue wohl bislang nicht ganz so stabil, wie es die Versionsnummer Epoch 1 erwarten läßt, aber auf gutem Weg.
Desktops wie Cinnamon, LXQt und Xfce haben neben Produktpflege im vergangenen Jahr ihre Wayland-Implementierungen vorangetrieben, die vermutlich 2026 in stabilen Versionen ausgerollt werden.
Das Thema KI war 2025 nicht nur im öffentlichen Diskurs ein bestimmendes Thema, sondern auch in den Bereichen Freie Software und Open Source. Das reichte vom Kernel über Browser bis hin zu vielen Anwendungen, die plötzlich, mehr oder weniger aufdringlich, KI-Funktionen bieten. Linux war immer ein Projekt mit klarer Ethik, mit nachvollziehbarem Code, reproduzierbaren Ergebnissen und menschlicher Verantwortung. KI stellt genau diese Grundannahmen zur Diskussion.
Auf der einen Seite stehen Leute, die KI als Werkzeug begreifen. Code-Vervollständigung, Bug-Hunting, Dokumentation, Übersetzungen und Reviews sind Aufgaben, für die ihnen KI prädestiniert erscheint. Auf der anderen Seite steht eine Fraktion, die intransparente Modelle, proprietäre Trainingsdaten, unklare Lizenzen und eine Machtkonzentration bei wenigen Firmen beklagt und somit KI als nicht vereinbar mit den Werten Freier Software ansieht.
Ein Beispiel für die Zunahme von KI in der IT sind die Browser. Die Hersteller überbieten sich bei der Integration von Chatbots und weiteren KI-Funktionen. Lediglich Vivaldi ist auf diesen Zug bisher bewusst nicht aufgesprungen. Zum Leidwesen vieler Nutzer integriert Mozilla zunehmend mehr oder weniger nützliche KI-Funktionen in Firefox. Der neue Mozilla-CEO möchte Firefox gar mit KI aus seiner mißlichen Lage retten. Die Community reagierte mit Ablehnung, sodaß sich Mozilla genötigt sah, einen Kill-Switch für alle KI-Funktionen anzukündigen. Vielen Anwendern reicht das nicht, denn der Code verbleibt im Browser. Ob es reichen wird, den globalen Marktanteil von lediglich noch 2,3 Prozent bzw. in Deutschland von derzeit 9,4 Prozent zu verbessern, sei dahingestellt.
Digitale Souveränität war eines der Schlagworte in der IT-Landschaft im vergangenen Jahr. Viele Politiker führten es im Munde, nur wenige füllten es mit greifbaren Inhalten. Zu den deutschen Vorzeigeprojekten gehört Schleswig-Holsteins Weg zur digitalen Selbstbestimmung des Landes. Im krassen Gegensatz dazu steht Bayern. Der Freistaat plant, einen großen Rahmenvertrag (Enterprise Agreement) mit Microsoft abzuschließen, der im Kern die flächendeckende Nutzung von Microsoft 365 in allen staatlichen Behörden vorsieht. Die Größenordnung liegt bei fast einer Milliarde Euro an Lizenzkosten über fünf Jahre.
Kritik entzündet sich nicht nur am Preis, sondern vor allem an der strategischen Ausrichtung der bayerischen IT-Politik. Die Rahmenvereinbarung soll ohne offene EU-weite Ausschreibung vergeben werden, weil Bayern auf bestehende Verträge zurückgreift. Kritiker sehen darin einen Verstoß gegen Transparenz- und Wettbewerbsprinzipien. IT-Experten und Open-Source-Verbände warnen, daß eine derart breite Bindung an Microsoft und dessen Cloud-Ökosystem die digitale Unabhängigkeit Bayerns in weite Ferne rücken läßt und die Kontrolle über unsere Daten gefährdet.
Zitiert wird dazu unter anderem der Cloud Act, der vorsieht, daß US-Behörden unter bestimmten Bedingungen Zugriff auf Daten von US-Unternehmen erhalten können, auch wenn die Daten auf europäischen Servern liegen. Obwohl Bayern plante, den Rahmenvertrag mit Microsoft bis Ende 2025 abzuschließen, liegt noch kein unterschriftsreifer Vertragstext sowie keine offiziellen Kosten- und Zeitpläne der Staatsregierung vor.
Soweit unsere Sicht auf Linux, Freie Software und Open Source im ausklingenden Jahr 2025. Bestimmt haben wir vieles vergessen oder bewusst ausgelassen, da es uns nicht wesentlich erschien.
Wir denken, 2026 wird Linux weiter wachsen und gedeihen. Der Kernel wird ziemlich bald eine 7 als Versionsnummer erhalten. Wayland wird an den Punkt kommen, wo man nicht mehr darüber redet, sondern es einfach nutzt, ohne darüber nachzudenken.
Bleibt uns abschließend noch allen unseren Lesern - als auch selbstverständlich "unserem" Linux - ein erfolgreiches Jahr 2026 zu wünschen. Rutscht gut (mit Linux natürlich!) hinüber!