Tritt Ortschef von Leobersdorf jetzt zurück?

23. Juli 2026

aus "derstandard.at":

"Ich denke, das ist die falsche Frage", sagt der Bürgermeister. Die falsche Frage lautete: hat er jemals privat von Beschlüssen seines Gemeinderats profitiert? "Was ist 'privat profitiert'? Wo fängt privat profitieren an? Durch jeden Beschluß des Gemeinderates profitiert irgendjemand."

Beispiele für diese Fragen liefert Andreas Ramharter, Bürgermeister von Leobersdorf im Bezirk Baden, mit seinen Grundstücksdeals genug. Allen voran sein Millionengeschäft mit dem Grund eines ehemaligen Konzentrationslagers im Gemeindegebiet sorgte bundesweit für Aufregung. Aber auch sonst kassierte der Immobilienunternehmer und Bürgermeister oft dann, wenn seine Gemeinde Grundstücke umwidmete.

Ramharter gehört zu Österreichs umstrittensten Bürgermeistern, weil er durch Amtsgeschäfte im Ort oft auch als Privatmann gutes Geld verdient. Und er ist ein Kommunalpolitiker auf dem absteigenden Ast, nachdem er seine absolute Mehrheit verloren hat. Einiges deutet darauf hin, daß er bald nicht mehr Bürgermeister ist.

Zuletzt ist Ramharter nämlich eingefahren. Der Bürgermeister wollte eine Wiese zum Wohngebiet machen und sie dafür einem früheren Gemeinderat seiner Liste abkaufen. Wegen des erwarteten Umwidmungsgewinns schrieb die Wiener Zeitung von einer "vergoldeten Hochwasserwiese".

Ramharter weist das zurück. Aber es ist jetzt ohnehin hinfällig: seine Koalitionspartner, FPÖ und ÖVP versagten der Idee von Einfamilienhäusern auf der grünen Wiese ihre Unterstützung. "Ich sehe keinen Bedarf derzeit, das habe ich auch dem Herrn Bürgermeister gesagt", sagt FPÖ-Vizebürgermeister Christian Pajer. Krise in der Koalition? "Ich sehe das überhaupt nicht tragisch", sagt Ramharter.

Um all die Affären und Querelen zu verstehen, ist zunächst ein Ausflug in die Geschichte der Marktgemeinde nötig. Leobersdorf, rund 5500 Einwohner, gelegen zwischen Baden und Wiener Neustadt, gehört längst zum erweiterten Speckgürtel Wiens. Die Anbindung über Südbahn und Südautobahn ist hervorragend.

Dazu kommt, daß Leobersdorf einen schönen, verkehrsberuhigten Ortskern mit Geschäften und Lokalen hat - und das ist auch Ramharters Verdienst. "Wir waren eine der ersten Gemeinden in ganz Niederösterreich, die sich mit einer strukturieren Ortsentwicklung beschäftigt haben", sagt er. Ramharters Liste "Zukunft Leobersdorf" regiert die Gemeinde seit 31 Jahren, seit 14 Jahren ist der Ex-Manager selbst Bürgermeister.

"Man muß eine Gemeinde ein bisschen wie ein Unternehmen führen", sagt Ramharter. Das Geschäftsmodell: viele Firmen bringen viele Arbeitsplätze, bringen viel Geld, bringt tolle Infrastruktur. Das Konzept ist die längste Zeit auch politisch aufgegangen: von 2000 bis 2025 regierte die Liste Zukunft Leobersdorf mit absoluter Mehrheit.

"Es war vor 20 Jahren ein verschlafenes Nest, da hat er schon recht", sagt Christian Husar. Aber man müsse nun die Pause-Taste drücken und prüfen, welche Projekte der Bevölkerung noch einen Mehrwert bringen. Husar ist Gemeinderat jener Liste, die Ramharter mit diesem Programm die Absolute gekostet hat. Bei der letzten Wahl kandidierte neben der "Zukunft Leobersdorf" auch Husars "Leobersdorf Jetzt", eine Abspaltung. Sie holte aus dem Stand 37,04 Prozent der Stimmen. Die Bürgermeister-Liste: 37,12 Prozent. Zwei Stimmen Unterschied.

Bürgermeister Ramharter ist auf "Jetzt" nicht gut zu sprechen. "In Wirklichkeit geht es darum, daß ein paar Leute mich vernichten wollen", sagt er. Sachpolitische Ideen hätte die Liste nicht, es gehe nur darum, ihn wegzubekommen.

Da geht es vor allem um Ramharters Grundstücks-Deals in der eigenen Gemeinde. Immer wieder kam es in der Vergangenheit vor, daß Ramharter Flächen in Leobersdorf kaufte, die später durch eine Umwidmung deutlich mehr wert waren. Ramharter bestreitet das auch gar nicht. "Ich habe einen Antrag gestellt, so wie andere auch", sagt der Bürgermeister. "Ich glaube, die Frage, die sich doch dahinter versteckt, ist: hat man als Bürgermeister weniger Rechte als ein anderer Bürger?"

Daß sein Amt als Bürgermeister seine private Geschäftstüchtigkeit nicht negativ beeinflussen soll, auf diesem Standpunkt steht Ramharter auch im Fall der eingangs erwähnten Hochwasserwiese. Die Geschichte geht so: der Wasserverband der Region hatte 2013 eine Wiese in Leobersdorf gekauft, damit sie bei Hochwasser geflutet werden kann. 2024 stellte sie fest, daß das nicht mehr nötig sei - und verkaufte sie an den ursprünglichen Käufer zurück.

Bemerkenswert sind die beteiligten Personen: der Besitzer der Fläche ist ein Parteifreund Ramharters. Präsident des Wasserverbands: Ramharter. Und woher hatte der Parteifreund das Geld für den Rückkauf? Auch durch ein Darlehen von Ramharters Firma.

Kurz nach dem Verkauf wälzte die Gemeinde Pläne, Teile der Wiese umzuwidmen und für ein Wohnbau-Projekt zu kaufen. Den satten Umwidmungsgewinn hätte der Freund gemacht, nicht Leobersdorf.

Ramharter sagt, ein direkter Kauf von der Gemeinde hätte einen Rechtsstreit ausgelöst - weil sich der Eigentümer darauf berufen habe, daß ihm ein Vorkaufsrecht zustehe, weil im Kaufvertrag von 2013 der Hochwasserschutz als Kaufzweck festgehalten sei. Explizit steht von so einem Recht im Vertrag freilich nichts.

Ob es nicht kurios sei, daß Ramharter im gleichen Geschäft als Wasserverbands-Chef, als Bürgermeister und als privater Financier auftritt? "Was ist kurios?", fragt Ramharter. "Und was ist das Problem, wenn ein Amtsträger jemandem Geld borgt?"

Längst bringt sich auch die Landespolitik in Leobersdorf ein. Die Neos unterstützen das Drängen der oppositionellen Liste "Jetzt" auf Transparenz, sie haben Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz eingebracht. Die Grünen stellten eine Anfrage an den zuständigen Landesrat, was die Umwidmung betrifft.

Beim Interview im Leobersdorfer Rathaus wirkt Ramharter grantig, aber kämpferisch. Immer wieder springt er auf, deutet am Flächenwidmungsplan der Gemeinde auf Grundstücke, an denen andere Private gutes Geld verdient hätten, warum also nicht auch er? Er bemühe sich, sich im gesetzlichen Rahmen zu bewegen. Aber es werde heute schnell kampagnisiert und moralisiert. "Die haben keine Rechte mehr, die Bauträger und die Grundeigentümer. Und das kann es nicht sein in einem Rechtsstaat, meiner Meinung nach. Da wehre ich mich dagegen."

Der Verlust der Absoluten im Vorjahr, das gescheiterte Projekt auf der Hochwasserwiese: vergeht Ramharter die Lust am Job? In Leobersdorf schwirren Rücktritts-Gerüchte herum, angeblich soll Ramharter das Amt im Herbst aufgeben wollen.

Ramharter sagt: "Ich weiß nicht, was der liebe Gott mit mir vorhat." Und was hat er mit sich vor? "Weiß ich nicht. Das will ich jetzt in der Zeitung nicht sagen."

Statement von WITS.AT:


Ja, der Ortskern ist wirklich verkehrsberuhigt und eine Betonwüste, auf der sich in den Sommermonaten niemand aufhalten möchte! Und hinsichtlich Geschäften? Ja, wie in jeder Gemeinde am Ortsrand! Im Zentrum, gehen wir es durch: 1 Massagepraxis, 3 Friseure, 1 Heuriger, 1 Reisebüro, 1 Bank, 1 BIPA, 1 Boutique, 1 Eissalon, 1 Cafehaus, 1 Goldschmied - Rest Beton! In der restlichen Haupstraße: 1 Bank, 1 (kleiner) SPAR-Markt, 1 koreanische Restaurant, 1 Blumengeschäft, 2 Boutiquen, die Passage (wo die Konditorei und die Trafik "gut" gehen!), 1 Döner-Laden, 1 Bier-Restaurant, 1 Optiker, 1 Tapezierer, 1 Event-Caterer, 1 Autoersatzteilhändler, 1 China-Restaurant, 1 Reisebüro. Geschäfte des täglichen Bedarfs: am Ortsrand (BILLA, Hofer, SPAR, dm, Libro/Pagro, Tedi etc.).

Auch finden wir die Aussage von Hrn. Husar ("Es war vor 20 Jahren ein verschlafenes Nest, da hat er schon recht") nicht korrekt! Wir sind in (zwar der politischen) Nachbargemeinde zuhause und dies seit den 90-Jahren. Wir würden nicht behaupten, Leobersdorf wäre damals verschlafen gewesen. Denn dann hätte doch Hr. Bgm. Bosch ein verschlafenes Dorf regiert?