Document Foundation vs. Euro-Office: "De facto ein Verbündeter von Microsoft"
10. Juni 2026
Die Veröffentlichung des quelloffenen Web-Office Euro-Office ist von harter Kritik der Document Foundation (TDF) begleitet worden. Italo Vignoli, Mitgründer der hinter LibreOffice stehenden TDF, wirft dem Euro-Office-Projekt in einem offenen Brief vor, zwar mit Souveränität für sich zu werben, aber faktisch Microsofts Lock-in-Strategien zu unterstützen. "Euro-Office verwendet standardmäßig das vollständig proprietäre OOXML-Dokumentformat, das ausschließlich von Microsoft entwickelt und kontrolliert wird. Damit ist es de facto ein Verbündeter von Microsoft", schreibt Vignoli.
Die Kontrolle bleibe damit fest in Redmond, was Microsofts Strategie gegen die digitale Souveränität Europas stärke. Vignoli wandte sich gegen Projekte, die "sich aus reinem Opportunismus" neu positionieren, "um auf der aktuellen Welle der digitalen Souveränität mitzureiten". Echte, europäische Souveränität sei nur möglich, wenn man auf wirklich offene Standards wie das ODF-Format setze. Vignoli verwies dabei auch auf die Pionierarbeit von OpenOffice und dem daraus hervorgegangenen LibreOffice und wandte sich gegen Kommunikation, die Euro-Office irreführenderweise als erste in Europa entwickelte Open-Source-Office-Suite bezeichnet.
Vignoli spießt mit seiner Kritik auf, was für die bei Euro-Office federführenden Partner Nextcloud und Ionos ein wichtiges Argument für das Projekt ist. "Auch wenn Bürosoftware nach wie vor eine geschäftskritische Infrastruktur darstellt, gibt es derzeit keine Lösung, die vollständige Kompatibilität mit Microsoft-Formaten, eine vertraute Benutzeroberfläche und echte digitale Souveränität unter europäischer Federführung vereint", teilten die Partner zur Vorstellung des Projekts mit.
Nextcloud will das auf geforktem OnlyOffice-Code fußende Euro-Office-Projekt aber nicht als fünfte Kolonne Microsofts verstanden wissen. Eine Sprecherin erklärte, daß man ebenfalls proprietäre Dateiformate als Hindernis für die Souveränität sehe. Deshalb müsse man den Anwendern, die auf solche Formate angewiesen seien, zunächst eine offene Office-Plattform liefern. So könnten Organisationen dann schrittweise auf offene Dokumentenformate wie ODF umsteigen.
Deshalb werde sich die Entwicklungsarbeit beim am gestrigen Dienstag veröffentlichten Euro-Office nun auf die Verbesserung der ODF-Unterstützung konzentrieren. "Langfristig sollte ODF der Standard sein - nicht OOXML. Darauf arbeiten wir hin", so die Sprecherin.
In die harsche Kritik der TDF könnte auch eingeflossen sein, daß die TDF für LibreOffice inzwischen wieder Pläne für ein Web-Office hegt. Das könnte damit in Konkurrenz zu Euro-Office stehen. Allerdings dürfte es hier noch einige Zeit bis zu einem konkreten Produkt dauern.
Das auf LibreOffice fußende Collabora sieht sich im jüngst veröffentlichten Nextcloud-Hub bereits der Konkurrenz ausgesetzt. Collabora ist dort nicht mehr alleinige Office-Komponente - Nutzer können sich jetzt alternativ auch für Euro-Office entscheiden. Collabora-Chef Michael Meeks verwies auf die "hervorragende Interoperabilität" Collaboras, die damit ein komplexeres Problem angehe als die Entscheidung von OnlyOffice für Microsofts Document Object Model. "Diese Entscheidung bringt eine Reihe bedeutender geschäftlicher und technischer Kompromisse mit sich; Nextcloud-Kunden können wählen, welche Office-Suite sie verwenden möchten, und eine große Zahl von Nutzern verwendet und schätzt Collabora Office", sagte Meeks.