Der Skandal um das Moorhuhn

02. Februar 2026

Als Jäger verkleidet und mit einem Laptop bewaffnet, zogen Werbeteams Ende 1998 durch deutsche Kneipen: um die Whiskymarke Johnnie Walker zu promoten, präsentierten sie den Nachtschwärmern ein Computerspiel – die Moorhuhnjagd. Wer auf dem Bildschirm gut zielte, bekam einen Gratisdrink.

Der Rausch folgte etwa ein Jahr später, denn das Spiel wurde millionenfach auf deutsche Rechner geladen – auch in Büros, was zeitweise für Aufregung in zahlreichen Firmen sorgte.

Einige Chefs befürchteten, daß Mitarbeiter Stunden mit der fröhlichen Jagd nach den bunten Hühnern verbringen und ihren Job vernachlässigen würden.

Als geistige Väter der Software gelten die Spieleentwickler Frank Ziemlinski und Markus Scheer, die das Potenzial des Moorhuhns erkannten und mit der Firma Phenomedia kommerziell vermarkteten. Die Nachfrage nach dem Moorhuhn war so groß, daß sie ihre Softwareschmiede in der Hochphase des Neuen Marktes an die Börse brachten.

Dabei sammelte die kleine Firma 22 Millionen Euro ein. "Wir wurden mit fremdem Geld nur so zugeworfen, aber wir hatten nicht die Fähigkeit, damit umzugehen", sagte Scheer einige Jahre später über den plötzlichen Geldsegen.

Das Moorhuhn war damals sozusagen Tier des Jahres. Der Comedian Wigald Boning widmete der Figur einen Song, Harald Schmidt griff das Spiel in seiner "Late-Night-Show" auf – und der Börsenkurs von Phenomedia erreichte Rekordhöhen.

Zwischenzeitlich lag der Börsenwert bei fast 400 Millionen Euro. Während die Spieler auf virtuelle Hühner ballerten und die Federn fliegen ließen, geriet Phenomedia ins Visier der Staatsanwaltschaft.

Im April 2002 fiel auf, daß in den Jahresabschlüssen 1999 bis 2001 nicht existente Umsätze und Forderungen verbucht wurden. Die Wirtschaftsprüfer von KPMG verweigerten das Testat für den Abschluß 2001. Daraufhin gaben Markus Scheer und Finanzchef Björn Denhard gegenüber dem Aufsichtsrat Manipulationen zu und zeigten sich selbst an, wie Medien berichteten.

2004 begann der langwierige Prozeß. Erst fünf Jahre später verurteilte das Landgericht Bochum die beiden ehemaligen Vorstände wegen Bilanzfälschung, Kreditbetrug und Untreue zu Haftstrafen von drei Jahren und zehn Monaten (Scheer) sowie drei Jahren (Denhard).

Das Gericht erließ 15 Monate der Strafe wegen der langen Verhandlungsdauer. "Wir haben ein Spiel gespielt: Monopoly – aber mit echtem Geld", sagte Scheer damals über seine Rolle als vermeintlicher Star der New Economy.

Die Rechte am Moorhuhn gingen an die neugegründete Phenomedia Publishing GmbH, deren Geschäftsführer Helge Borgarts die Firma zwischenzeitlich wieder in die Gewinnzone führte. 2017 war dann auch für den Phenomedia-Nachfolger Schluß.

Und das Moorhuhn? Die Marke ist heute noch auf den Bildschirmen präsent. Erst 2025 wurde mit Moorhuhn Kart 4 ein Rennspiel veröffentlicht.