GNOME will mittlere Maustaste kastrieren

06. Jänner 2026

Ein vor zwei Tagen von GNOME-Entwickler Jordan Petridis eingereichter Merge Request sieht vor, die Funktion des Einfügens von markiertem Text über die mittlere Maustaste zu deaktivieren. Dies passt in eine ganze Reihe anderer Funktionen, die GNOME in den vergangenen Jahren deaktiviert oder entfernt hat, sodaß viele Anwender nicht ohne GNOME-Extensions auskommen. Mit Libadwaita wurde zudem eine starke Designautorität eingeführt, die Einschränkungen für Distributionen wie Linux Mint oder Pop_OS hatte.

Der Frust der Benutzer richtete sich unter anderem gegen die Entfernung der Minimize/Maximize-Buttons, immer weiter abgespeckte Kontextmenüs, das Abschalten von "Type-to-Select" in Nautilus und der dezimierte Screenshot- und Screencast-Workflow. Vieles davon ist ideologisch motiviert und möchte den Anwendern vorschreiben, wie sie ihren Desktop zu benutzen haben. Nun soll also der Mittelklick kastriert werden.

Petridis argumentiert, das Pasten per Mittelklick sei ein "X11ism", also ein Überbleibsel aus der X11-Zeit, und werde häufig versehentlich genutzt.

Es wird häufig für andere Aktionen verwendet oder noch häufiger versehentlich angeklickt, und das Entleeren Ihrer gesamten Zwischenablage, ohne daß Sie darauf hingewiesen werden, ist nichts weniger als eine Katastrophe.

Das Umsteiger von anderen Betriebssystemen anfangs einmal versehentlich etwas pasten, anstatt schnelles Scrollen zu aktivieren, mag ja zutreffen, sollte aber nicht häufiger passieren.

Das Kopieren durch Auswählen von Text und Einfügen mit der mittleren Maustaste ist nach unserem Empfinden einer der Vorteile, die Linux gegenüber Windows bei der Desktop-Nutzung hat. Eine Funktion, die von uns zigmal täglich genutzt wird und seit jeher im Muskelgedächtnis verankert ist. Auch unter Wayland funktioniert das mit KDE Plasma wie gewohnt.

Die Entscheidung über den Standard wurde dem Designteam von GNOME zur Prüfung vorgelegt. Das Echo auf den Merge Request ist zweigeteilt. Auf Reddit und anderswo empfindet die Mehrheit der vermutlich älteren Anwender die Deaktivierung der Funktion als Gängelung, während vermutlich jüngere Nutzer, die mit Touchscreens aufgewachsen sind, die Deaktivierung gut finden und die STRG-C/STRG-V-Clipboard-Logik bevorzugen.

Das Mittelklick-Paste-Verhalten läßt sich mit gsettings set org.gnome.desktop.interface gtk-enable-primary-paste true wieder aktivieren. Für uns ist es trotzdem eine weitere Umerziehungsmaßnahme einer Gruppe von GNOME-Entwicklern gegenüber ihren Anwendern. Mozilla hat im gleichen Atemzug ebenfalls einen Bugreport erstellt, der das Pasten per Mittelklick deaktivieren soll.