Paukenschlag: Neujahrskonzert schafft nur mehr 839.000 Zuseher
03. Jänner 2026
Jahrelang war es Tradition. Das Neujahrskonzert beschert dem ORF die erste Millionen-Show des Kalenderjahres. Bis zu 1,265 Millionen Zuseher schunkelten beim "Radetzky-Marsch" mit. Doch jetzt das totale TV Beben. Yannick Nézet-Séguin und die Wiener Philharmoniker konnten am 1. Jänner nur mehr 839000 Zuseher vor den ORF2 Bildschirmen fesseln. Die nächste ORF-Watschen, nachdem man schon 2025 mit dem Neujahrskonzert das erste Mal unter die Millionen-Grenze schlitterte.
Dabei begann es 2026 sogar noch schlimmer. Bei der Eröffnung mit der Ouvertüre zur Strauss-Operette "Indigo und die vierzig Räuber" waren gar nur 709000 ORF Zuseher dabei. Wenigstens der Marktanteil stimmte: 52 Prozent.
Mit dem Pausenfilm "Der Zauber der Kunst" legte der ORF leicht zu: 774000 Seher. Zum Finale mit dem "Donauwalzer" waren dann im Schnitt 839000 Zuseher dabei. Ein Marktanteil von 51 Prozent.
Der Quoten-Absturz zeichnete sich schon in den letzten Jahren ab: 2023 klatschen bei Franz Welser Möst noch bis zu 1,18 Millionen ORF-Seher beim Neujahrskonzert mit. 2024 waren dann bei Christian Thielemann "nur" mehr 1,114 Millionen Zuseher dabei und 2025 verfehlte man mit Riccardo Muti erstmals die TV-Million. Nur 923000 Zuseher, noch schlechter als das Minus-Jahr 2020 (940000 Zuseher, Andris Nelsons).
Jetzt wurde mit Yannick Nézet-Séguin der absolute Tiefpunkt erreicht. 2027 soll es der Russe Tugan Sokhiev besser machen.
Punkt 11.15 Uhr betritt Yannick Nézet-Séguin den Goldenen Saal des Musikvereins – grinsend, locker, ohne Dirigentenpult. Allein dieser Verzicht auf ein zentrales Symbol der klassischen Autorität setzt ein Zeichen: Distanz war gestern, Nähe ist angesagt.
Auch optisch hebt sich der Frankokanadier deutlich von seinen Vorgängern ab. Silbern lackierte Fingernägel, ein Flinserl im Ohr, dazu ein offenes, beinahe spielerisches Auftreten. Nézet-Séguin dirigiert mit dem ganzen Körper, bewegt sich viel, sucht Blickkontakt. Sein erklärtes Ziel: Freude an der Musik, nicht museale Ehrfurcht.
Musikalisch bleibt das Konzert dennoch fest im klassischen Rahmen. Neu ist allerdings die Programmauswahl: erstmals wurden beim Neujahrskonzert gleich zwei Werke von Komponistinnen gespielt – ein Umstand, den der Dirigent bewusst gewählt hat. Musik solle verbinden und die Gegenwart widerspiegeln, so seine Begründung.
Für Stirnrunzeln sorgte hingegen eine Aussage aus dem ORF. Programmdirektorin Stefanie Groiss-Horowitz sprach von einer "spürbaren weiblichen Handschrift" beim Neujahrskonzert – unter anderem wegen der Werke von Komponistinnen und eines von einer Frau gestalteten Pausenfilms.
Die Frage drängt sich auf: seit wann braucht Musik beim Neujahrskonzert eine Geschlechterzuschreibung? Johann Strauss klingt nicht männlich oder weiblich. Ein Walzer wird nicht besser oder schlechter, weil er von einer Frau komponiert wurde. Kunst folgt Qualität – nicht Quote.
Daß der ORF ausgerechnet beim weltweit bedeutendsten Klassik-Event mit Identitätsetiketten hantiert, wirkt weniger progressiv als ideologisch. Nézet-Séguin selbst liefert dafür keinen Anlaß: er spricht über Musik, nicht über Gender. Über Interpretation, nicht über Symbolpolitik.